RÜCKBLICK


Familiennachmittag am 24.2.19

Sprungbrett für den Neuanfang

Die Kunst des Verzeihens

„Nobody is perfect.“ Der Satz sagt sich leicht, ähnlich wie die Redewendung „Schwamm drüber“. Aber mit Schuld zu kokettieren oder sie einfach zu verdrängen, ist keine Lösung. Darauf machte Logotherapeutin Dr. Jutta Kahlen aufmerksam.

 

Ihr Thema beim Familientag am 24. Februar war die Kunst der Verzeihens. Die Referentin ermunterte die Zuhörer, über zwei Fragen nachzudenken:

1. Wann bin ich - von mir anerkannt - schuldig geworden?

2. Wann bin ich verletzt worden? Wie gehe ich damit um?


 

Kahlen betonte, dass die Schuldfähigkeit zur Würde des Menschen gehöre. „Schuldig werden kann nur, wer frei und verantwortlich ist.“ Auch deswegen sei niemandem damit geholfen, wenn Schuld bagatellisiert werde. Im Gegenteil: „Schuld sollte bearbeitet werden. Dabei ist es sehr wichtig, vom Gefühl zu den Fakten zu kommen.“ Nur durch mutiges Hingucken auf den Sachverhalt sei es möglich, die Schuldfrage zu klären, so die Referentin. Im nächsten Schritt gehe es darum, die Verantwortung für die Schuld zu übernehmen und sich einzugestehen: „Ja, das habe ich getan.“ Und schließlich müsse die Schuld bereut und - wenn möglich - wiedergutgemacht werden: zum Beispiel, indem man eine Verleumdung korrigiert. „ Der Sinn der Anerkennung der Schuld liegt aber nicht darin, dass man sich weiter daran aufreibt, sondern dass sie Sprungbrett für den Neuanfang wird.“ Ebenso wie nur der freie Mensch schuldig werde,  könne auch nur der freie Mensch verzeihen: „Verzeihen bedeutet, jemanden aus der Schuld entlassen. Das ist etwas ganz anderes, als dem Übeltäter auf die Schulter zu klopfen und jovial zu betonen: Da war ja gar nichts.“

 

Dass Frauen und Männer oft anders an das Thema Verzeihung herangehen, machte Kahlen deutlich, in dem sie auf eine Redewendung aus dem Volksmund zurückgriff: Danach verzeihen Männer selten, vergessen aber sofort. Frauen dagegen verzeihen sofort, vergessen aber nie  - ein Umstand, den die Logotherapeutin mit dem Hinweis begründete, dass Männern die Verletzung eher in den Stolz schießt, Frauen dagegen in die Emotionen. „Verzeihen können ist wohltuend - auch für sich selbst.“ Wer Rache übe, sei vielleicht für einen Moment zufrieden  und genieße Schadenfreude, wirklich glücklich werde man aber durch das Verzeihen. Dies sei allerdings nicht immer möglich, schränkte Kahlen ein. „Es gibt Verletzungen, die so schwer sind, dass Verzeihung unmöglich wird - außer in Gott.“ Das Vertrauen darauf, dass  Christus unsere Schuld auf sich genommen habe, erleichtere vielen Menschen den Schritt hin zur Verzeihung.

 

Den Eltern riet die Logotherapeutin, nie eine Strafe zu verhängen, ohne mit dem Kind über das Warum seiner bösen Tat und deren konkrete Auswirkungen zu sprechen. „Kinder dürfen sich nicht als böse oder nicht liebenswert empfinden. Gelingt es, dem Kind klar zu machen, dass es liebenswert bleibt, obwohl es Böses getan hat, ist der Grundstein für die Besserung gelegt.“

 

,Auf ihre Art beschäftigten sich beim Familientag auch die Kinder mit dem Thema „Gut und Böse“. Parallel zum Vortrag hatte Märchenerzählerin Rita Schimschak für die Kleinen spannende Lebensgeschichten im Gepäck - und keine Mühe sich Gehör zu verschaffen.

Literaturhinweise zum Vortrag:





12. November 2017

VOrtrag

Kunst und Religiosität im 20./21. Jahrhundert - Enheit oder Gegensatz?

Joseph Beuys und seine Interpretation des Göttlichen

Referentin: PD Dr. Dr. Melanie Obraz, Universität Freiburg

 Mit Joseph Beuys verbinden viele Menschen seine „schmutzige Badewanne“. Aber dass der große Provokateur sich auch als religiöser Künstler verstand, der Kreuze, Madonnen und Zeichnungen über die Auferstehung schuf, bringen vielleicht nur wenige mit dem „Enfant terrible“ der Düsseldorfer Kunstakademie zusammen. „Beuys war ein zutiefst religiöser Mensch, eigentlich sogar ein Mystiker“, betont dagegen  Kunsthistorikerin Dr. Dr. Melanie Obraz. Nur habe der gebürtige Krefelder eben keinen Zugang zu etablierten Kirchen, Dogmen und Institutionen gefunden. Im Gegenteil: „Er stellte radikal alles in Frage, aber seine Kunst hat er trotzdem aus dem tiefen Glauben an den christlichen Gott geschaffen“, unterstreicht Obraz.
 Wie der Brückenschlag von Beuys’ „Badewanne“  zu Gott denn konkret aussehen könne, wird die Kunsthistorikerin gefragt. Viele Antworten gibt sie auf diese Frage - etwa, dass für Beuys „das tägliche Leben Kunst ist“ und er „nichts auf den Sockel heben will“. So ärgerten den Aktionskünstler beispielsweise die traditionellen Kruzifix-Darstellungen, die einen makellosen Körper zeigen. All diese Erklärungsversuche sorgen für reichlich Diskussionsstoff im Publikum. Und für weitere Interpretationen: So kann sich ein Zuhörer vorstellen, dass die „Badewanne“ für das „Bad der Taufe“ steht. Gesagt hat Beuys das allerdings nicht. Er hat seine Kunst nicht erklärt. Aber wenn Kunst letztlich erst durch die Rezeption des Betrachters entsteht, wie Obraz es darstellt, wäre dies eine mögliche Lesart. Vielleicht hätte sie dem Aktionskünstler sogar gefallen. Schließlich war Beuys überzeugt, dass „jeder Mensch ein Künstler ist“ und dass genau deswegen auch jeder Mensch eine Verbindung zu Gott hat.